Auf Spurensuche in Fürstenberg

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Drei Freunde, ihre Räder, und ein Wochenende rund um Fürstenberg an der Havel in Brandenburg. Es gibt spannendere Touren? Vielleicht. Aber verlassene Orte wie hier muss man erstmal finden.

Fotos: Madlen Krippendorf Text: Judka Strittmatter


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Manchmal muss man sich schon im Sommer mit dem Weihnachtsmann befassen. Jedenfalls, wenn man eine Fahrradtour in Himmelpfort bei Fürstenberg startet. Einem Örtchen, dass für sich reklamiert, den direkten Draht zum Weihnachtsmann zu haben, mit einem amtlichen Briefkasten und Postamt, von dem aus fleißige Mitarbeiter Wunschbriefe aus aller Welt beantworten. Auch Dani, Kevin und Reinier lassen einen Zettel da und würdigen diesen spannenden Umstand mit einem ersten gemeinsamen Foto: Sie drei neben der hölzernen Weihnachtsmannstatue mitten im Ort. Was für ein Auftakt. Zusammen radeln wollen an diesem Wochenende und eine gute Zeit haben. Sie kennen sich noch nicht lange, es darf gern mehr werden. Sonst leben sie in Berlin, die Jungs sind Fahrradkuriere, Dani Projektleiterin in einem Verlag. Bei einigen Bierabenden in der Stadt hat die Jungs angefüttert und neugierig gemacht, sie kennt die Gegend, sie ist hier schon mal durch. Vor ein paar Jahren, allein auf dem Rad, von Berlin nach Kopenhagen. Seitdem ist sie verliebt in diesen Landstrich. Sie kennt ihn auch aus Kindertagen, war Kind im Prenzlauer Berg, hatte Oma und Opa im Umland. Vor kurzem hat ihr Vater zwei Fahrradtaschen aus dem Müll gezogen, so richtig schön Retro und passend zu Dani, die Retro so liebt. Vor allem passend zu ihrer Tour, bei der sie jetzt, in Himmelpfort, noch die Ruine des Zinsterzienserklosters aus dem 14. Jahrhundert umrunden und sich dann auf einen schönen, weichen, uckermärkischen Sandweg begeben. Und nicht weit kommen. Denn eine Draisinenbahn ist zu begutachten; sie wirkt stillgelegt. Die Jungs turnen mal kurz in einem der Wagen herum. Dafür geht der nächste Halt an Dani, sie hat Blaubeeren entdeckt. Und an denen kann sie nicht vorbei. Das Aroma der Früchte beamt sie direkt zurück in ihre Kindheit. Sie hat auch Familie in Tschechien, die andere Oma, und deren Blaubeerkuchen ist eine Wucht. Und da macht es auch nichts, dass sie sich später eine Zecke vom Schenkel pflücken muss. Sie hockt und pflückt, und über ihr biegen sich die Kiefernkronen im Wind.

Es ist angenehm an diesem Spätsommertag, um die 20 Grad. Nach weiteren Kilometern tut sich im Wald, der für Städter wie sie die Duftkompetenz eines Sauna-Aufgusses hat, alte Ferienbungalows auf, verlotterte und ausgehöhlte Wohnkisten made in GDR. Vor ein paar Jahren hätten sie hier vielleicht noch ein paar alte Emaille-Kochtöpfe oder ein paar Dederon-Vorhänge gefunden – aber die Zeiten höhlen aus und tragen ab. Das Trio fährt weiter, passiert den verfallenden Prachtbau der Heilanstalt Hohenlychen, in denen seit 1902 Tuberkulosepatienten geheilt wurden und für das sich jetzt offensichtlich ein Investor gefunden hat, der ihm Wellness- und Luxus-Leben einpflanzen will. Deshalb ist das Gelände auch  umzäunt, unter der angegebenen Handynummer geht niemand ran, hier können die drei nicht hindurch stromern und alten Zeiten nachspüren.  

Aber wieder auf dem Rad und im Wald, erhöhen sich die Chancen für weitere Spürhund-Glücksmomente. Sie stoßen auf die Reste eines abgetragenen Kernwaffenlagers der Russen, und Reinier – bewehrt mit Neugierde und  Taschenlampe – steigt ein paar Meter in einen der alten Bunker herab, als wäre es der Keller bei ihm zuhause. Dass Gefährlichkeiten dort herummodern nach all den Jahren, ist wahrscheinlich auszuschließen, aber allein, dass es sich so anfühlt. Aber das ist ja der Sinn ihrer Tour – verlassene Orte auszukundschaften. Und zu fahren, Strecke zu machen, abzusteigen und Picknick zu machen, Kuh und Esel zu knuddeln und sich des Moments zu erfreuen. So wie jetzt, wenn sie alte Jägerstände und Holzmieten passieren und kein, aber kein Mensch weit und breit zu sehen ist. Erst im Dörfchen Bredereiche wieder, wo Undine ihr Eis verkauft. Die Frau in der Kittelschürze und mit dem großen Herzen. Bei ihr gibt es Softeis in der Muschelwaffe, so, als wär es noch 1985 und die Mauer nicht gefallen. Für Reinier, der aus Holland kommt, ein Aha-Erlebnis. Ostdeutsche Eiskultur – dass er das noch erleben durfte. Den herzlichen Aufenthalt krönt ein Kräuterschnaps von Undine – und es geht weiter. 

Die Jungs sind Harccore-Radler, trainiert durch ihren Job jeden Tag, da geht Dani manchmal die Puste aus. Noch acht Kilometer bis zur ihrer Bleibe, dem Gut Boltenhof, dass so hübsch ist, dass es schon weh tut: Kopsteinpflaster-Auffahrt, Gänseherde, Wachstuchdecken. Und alles nicht überkandidelt, zu Tode saniert, sondern belassen und natürlich. Die Besitzer, junge Leute wie sie, begrüßen sie mit einem kalten Riesling, schöner kann Ankommen nicht sein. Aber sie wollen unbedingt noch zum See, sich erfrischen, dem Tag noch einen weiteren Höhepunkt bescheren. Ihr Gutsherr schickt sie zu Bauer Karl, der bringt sie zu seinem Bootsschuppen, in dem sein Bötchen schunkelt und die Spinnen fröhlich Urständ feiern. Sie setzen über, zu einer Badeplattform, und dann gibt’s kein Halten mehr: Arschbombe, nackig, gleich ein paar mal. Danach Pasten vom Markt in Berlin. Das Leben ist schön. 

Tags darauf fahren sie wieder gen Fürstenberg, vorbei an Heidekrautwiesen, und Bromberbrachen. Wieder steht da eine Herrenhaus-Ruine in Qualzow, sie spüren wenigstens ein altes Namensschild auf: „Klaus D. Weber“ steht da auf Holz gelötet. Wer könnte das gewesen sein? In der Ziegenkäserei „Capriolenhof“ muss es dann mittags ein Grillteller sein und ein Bierchen, die gute „Potsdamer Stange“. 

Noch zwei „Lost Places“ warten auf sie, direkt in Fürstenberg: ein altes Erholungsheim mit zugewucherter Leninstatue und ein ehenmaliges Futtermischwerk, dessen Silos nackt und betonkalt in den Himmel ragen. Ein Riesengelände, das bestimmt noch mal als Filmset für einen düsteren Science-Fiction-Streifen entdeckt wird. Und auf dem sich ein Junge zu ihnen gesellt, den sie gar nicht mehr los werden und den sie „Tschick“ nennen. In einem alten Spind prangt auch hier ein Hinweis auf verblasstes Leben: ein verwelktes Marcello-Mastroianni-Plakat. Für sie nur ein Starschnitt, den sie nicht kennen, nicht ihre Generation. 

Das ist das Ende ihres Ausflugs, sie müssen heim, in der Regionalbahn nach Berlin stehen sie wie die Ölsardinen. Aber das kann ihnen nichts anhaben, die Freude sitzt in jeder Pore. Eine Fahrt, die sie nicht so schnell vergessen werden. Und die das Bestmöglichste geschaffen hat: Dani und Reinier sind jetzt zusammen.   


Diese Tour entstand in Zusammenarbeit mit dem WALDEN Magazin.

Der Artikel ist in der Ausgabe “Auf die Kette fertig los!” 1/2019 erschienen.


Ein extra Dankeschön geht an dieser Stelle an Dich, Jan-Uwe! Danke, für jede Minute die wir auf Gut Boltenhof verbringen durften. Und Danke an Dich, Maddy. Für die einmaligen Bilder. Für die Jungs. Für alles.

Dani PensoldComment