Havel. Himmel. Horizonte

Diese Reise entstand in Zusammenarbeit mit dem Tourismusverband Havelland / Fotos: Steven Ritzer

Bereits zum wiederholten Mal durfte ich gemeinsam mit Matthias vom Tourismusverband Havelland ein Anradeln auf die Beine stellen. Die Idee dahinter: eine Route entwickeln, die nicht einfach nur möglichst schön von A nach B führt, sondern unterwegs genügend Gründe liefert, immer wieder vom Rad zu steigen. Zugegeben, das haben wir vielleicht ein bisschen zu ernst genommen. Herausgekommen ist eine gut 60 Kilometer lange Erlebnistour von Rathenow nach Brandenburg an der Havel, vollgepackt mit besonderen Begegnungen, spannenden Geschichten und ganz viel Havelland.

Viel Spaß beim Mitfahren und Entdecken!

Wo alles begann

Für eine gemeinsame Radtour ist ein Treffen um 8 Uhr morgens schon eine Ansage. Aber alle stehen gut gelaunt mit ihren Rädern am Bahnhof in Rathenow. Bevor wir die Stadt hinter uns lassen, bleiben wir allerdings noch eine ganze Weile hier. Spoiler: Für die ersten drei Kilometer unserer Tour werden wir fast zwei Stunden brauchen.

Unser erster Stopp führt uns auf den Kirchplatz, den historischen Kern der Altstadt. Zwischen der spätromanischen St.-Marien-Andreas-Kirche und den ältesten Fachwerkhäusern Rathenows lernen wir Pfarrer Johann Heinrich August Duncker kennen. Hier am Platz steht noch sein Geburtshaus, in dem er ab 1800 seine erste optische Werkstatt betrieb. Zu seiner Zeit waren Brillen noch eher ein Risiko als eine wirkliche Sehhilfe. Duncker beschloss das ändern und entwickelte eine Schleifmaschine, mit der sich mehrere Brillengläser gleichzeitig herstellen ließen. Dass aus einer Lösung für ein Alltagsproblem einmal eine ganze Industrie entstehen würde, ahnte damals vermutlich noch niemand. Heute trägt Rathenow stolz den Ehrennamen „Stadt der Optik“..

Bio-Treibstoff für den Start

Vor uns liegen gut sechzig Kilometer. Grund genug, den Tag nicht mit leerem Magen zu beginnen. Also treffen wir Sophia von der BioInsel zum Frühstück. Direkt hinter der hübschen Jederitzer Brücke versorgt das kleine Naturkostfachgeschäft Rathenow und seine Besucher mit frischen Brötchen, regionalem Obst und Gemüse, Käse, Wurst und vielen weiteren Köstlichkeiten. Während Körbe mit Brötchen, Kaffee und Aufstrichen über den Tisch wandern, passiert das, was bei guten Frühstücken fast immer passiert: Aus einem kurzen Boxenstopp wird plötzlich eine ausgedehnte Frühstücksrunde, bei der man völlig die Zeit vergisst.

Ein Wahrzeichen der Optischen Industrie

Jetzt aber schnell zurück in die Spur. Keine 5 Minuten später stutzen wir über einen mitten in der Havel stehenden Leuchtturm. Hat Rathenow neuerdings Zugang zur Ostsee? Nicht ganz. Tatsächlich stammt der Turm aus Warnemünde und fand nach seiner Ausmusterung in Rathenow ein zweites Zuhause. Passender hätte er kaum landen können, schließlich wurden hier früher Linsen für Leuchttürme in aller Welt gefertigt. Wir nehmen den ungewöhnlichsten Wegweiser Brandenburgs als Einladung und rollen weiter in den Optikpark Rathenow, unseren nächsten Stop.

Bitte genau hinsehen

Der Optikpark Rathenow setzt diese angenehme Art des Staunens fort. Statt Wissenschaft hinter Vitrinen zu verstecken, lädt er uns in bunten Farben zum Mitmachen ein. Wir springen wie Kinder auf Luftkissen, vertrödeln uns zwischen Spiegeln, Prismen und optischen Experimenten und stehen schließlich vor dem größten Brachymedialfernrohr der Welt. Das riesige Fernrohr besteht teilweise aus einem Panzer-Schwungrad, einer Fahrradkette und LKW-Lenkrädern. Verdammt cool!

Ein paar Schritte zuvor führte uns ein Holzsteg in geschwungenen Ellipsen über einen Karpfenteich. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein hübsch angelegter Spazierweg, tatsächlich liefen wir aber durch eine Nachbildung der Berliner Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz. Die originale Uhr wurde 1969 ausgerechnet hier in Rathenow gebaut und anschließend per Schwertransport nach Berlin gebracht. Wir sind von der Vielfalt und den Details des Parks begeistert und wünschten wir könnten noch länger verweilen.

90 Stufen bis zum Ja

Vom Optikpark schwingt sich die moderne Weinbergbrücke in einer eleganten S-Kurve über die Havel. Mit ihren 348 Metern verbindet sie zwei ehemalige BUGA-Gelände und schenkt Besuchern einen traumhaften Ausblick auf den Havelarm. Wenig später stehen wir am Bismarckturm. Der 1913 auf dem Weinberg errichtete Turm zählt zu den ungewöhnlichsten Bismarcktürmen Deutschlands. Im Zweiten Weltkrieg wurde er schwer beschädigt und erst nach aufwendiger Sanierung wieder für Besucher geöffnet. Neunzig Stufen später liegt uns das Havelland zu Füßen. Dann erfahren wir: Im Turm befindet sich tatsächlich ein Standesamt. Wir schauen uns kurz an und sind uns einig: Sollte heute noch eine spontane Gruppenhochzeit stattfinden, dann wohl hier.

Raus ins Havelland

Gerade einmal drei Kilometer liegen hinter uns. Und trotzdem sind schon fast zwei Stunden vergangen. Jetzt aber in die Pedale getreten. Hinter Rathenow beginnt das Havelland langsam so auszusehen, wie man es sich vorstellt. Viel Natur, ein geschwungener Feldweg und der erste Storch lässt auch nicht lange auf sich warten. Wir befinden uns jetzt im Naturpark Westhavelland, mit rund 1.300 Quadratkilometern einer der größten Naturparks Brandenburgs. Havel, Seen, Auen, Moore und Feuchtwiesen prägen die Landschaft, dazwischen liegen kleine Dörfer und erstaunlich viel unbesiedelter Raum. Was für ein Idyll. Unser nächstes Ziel soll der Lucke-Hof sein.

Mehr als ein alter Hof

Der Lucke-Hof ist einer der ältesten Vierseitenhöfe im Havelland. Seit mehr als 300 Jahren steht er in Premnitz und ist bis heute fast vollständig erhalten geblieben. Der denkmalgeschützte Hof war früher fast ein kleines Dorf für sich. Wohnen, Tiere, Ernte und Handwerk lagen rund um den geschützten Innenhof.

Am Hoftor begrüßt uns Frau Dr. Ute Lucke-Polz. „Ich wurde 1940 hier geboren und mit dem Wasser der Havel getauft“, erzählt sie uns. Der Hof ist ihre Familiengeschichte, und in der kommenden Stunde werden wir merken, dass Ute die seltene Fähigkeit besitzt, sie lebendig werden zu lassen. Sie zeigt uns die alte Küche mit ihren schwarzen, von Jahrhunderten offenen Feuers verrußten Wänden, führt uns durch Scheune und Stall und schließlich in den Innenhof. Ute erzählt von ihren Großeltern, Urgroßeltern und den Menschen, die den Hof immer wieder an neue Zeiten angepasst haben. Kurz vor seinem Tod bat ihr Vater sie, den Hof zu bewahren und seine Geschichte weiterzutragen.

Irgendwann stellt Ute einen Topf auf den für uns gedeckten Tisch. „Jetzt gibt´s erstmal Täubchensuppe“, sagt sie, worauf die halbe Gruppe erst einmal vorsichtig die Stirn runzelt. Das alte Familienrezep gilt seit Generationen als Hausmittel gegen Erkältung, Müdigkeit und offenbar so ziemlich alles, was einen Menschen sonst noch ausbremsen könnte. Na dann sind wir für die restlichen Kilometer ja gewappnet.

Gestärkt fahren wir weiter, wobei das Dessert nicht lange auf sich warten lässt. In Jerchel stehen wir plötzlich vor einem Softeiswagen. Aprikose-Vanille ist heute im Angebot und damit die Entscheidung gefallen. Fast direkt daneben steht die kleine Fachwerkkapelle des Ortes. Sie sieht nicht nur neu aus, sie ist es auch: Erst 2023 wurde sie eröffnet, nachdem Jerchel mehr als 40 Jahre ohne Kirche ausgekommen war. Hinter Jerchel wird es schnell wieder ruhiger. Felder und Wiesen begleiten uns, über uns kreisen Rotmilane und vor uns liegt ein traumhafter Radweg, auf dem wir endlich ein paar Kilometer machen.

Ein süßes Glas voller Region

Bei Carsten Bartsch von der Imkerei im Havelbogen legen wir den nächsten Zwischenstopp ein und bekommen einen kleinen Crashkurs in Sachen Bienenkunde. Seit acht Jahren imkert Carsten bereits in Kützkow. Seine Völker stehen hier im ehemaligen Gutspark des Rittergutes, unter alten Linden und in der Nähe zahlreicher Obstgärten. Carsten öffnet für uns einen Bienenstock, zieht vorsichtig eine der dicht besetzten Waben heraus und erklärt, was dort eigentlich alles passiert. Wir erfahren, wie ein Bienenvolk organisiert ist, woran man die Königin erkennt und welchen Einfluss die Umgebung auf den späteren Honig hat. Das lässt sich bei Carsten besonders gut beobachten: Während die Bienen in Kützkow Linden und Obstblüten vor der Haustür haben, stehen weitere Völker in Bahnitz in der Nähe großer Rapsfelder. Entsprechend unterscheiden sich Farbe und Geschmack des Honigs.

Nebenbei übernehmen die Bienen einen ziemlich wichtigen Job. Obstgärten und Rapsfelder profitieren von ihrer Bestäubungsarbeit und damit auch die Menschen, die sie bewirtschaften. Carsten beantwortet geduldig unsere Fragen, während wir uns schließlich sogar selbst an eine dicht besetzte Wabe herantrauen. Zum Abschluss wird unter den blühenden Obstbäumen noch probiert, was die Bienen in der Umgebung zusammengesammelt haben.

Einmal übersetzen, bitte

Keine zehn Minuten nach unserem Besuch bei Carsten endet der Radweg an der Havel. Von Pritzerbe trennt uns jetzt nur noch ein schmaler Streifen Wasser und eine Fährfahrt, deren Geschichte erstaunlich weit zurückreicht. Bereits 1385 ist an dieser Stelle ein Fährbetrieb belegt. Damals wurden die Kähne noch mit Muskelkraft über den Fluss bewegt, heute zieht sich die Fähre an einer Kette von Ufer zu Ufer. Wir schieben unsere Räder an Bord, zwei Autos passen auch noch darauf. Die Kette spannt sich und langsam setzen wir über. Viel Zeit, die schöne Havelaussicht zu genießen, bleibt aber nicht: Nach kaum zwei Minuten erreichen wir schon das andere Ufer. Trotzdem fühlt es sich an, als wären wir kurz im Urlaub gewesen.

Die letzte ihrer Art

Auf der anderen Havelseite wartet Julia auf uns. Unser nächster Halt ist die Rohrweberei Pritzerbe, die letzte ihrer Art in Deutschland. Warum sie ausgerechnet hier steht, versteht man spätestens beim Blick auf den Pritzerber See. Als sich der Betrieb 1946 im ehemaligen Schützenhaus ansiedelte, wuchs der wichtigste Rohstoff direkt vor der Tür. Damals waren Schilfmatten vor allem als Dämm- und Isoliermaterial gefragt. Heute entstehen an den alten Webstühlen Sichtschutz, Balkonverkleidungen und sogar Sonnenschirme. Auch in der Denkmalpflege werden die Matten noch gebraucht.

In den Ausstellungsräumen zeigt uns Julia wie so eine Schilfmatte gewebt wird. Das Schilf dafür kommt heute allerdings nicht mehr aus dem See. Die natürlichen Bestände sind wichtige Brutplätze für Vögel und stehen unter Schutz. Stattdessen baut die Rohrweberei auf rund 3.000 Quadratmetern Miscanthus an. Die robuste Pflanze braucht keinen Dünger, kann über viele Jahre geerntet werden und liefert besonders haltbare Halme. Nach der Ernte im Winter werden sie in dicken Bündeln zum Trocknen aufgestellt, bevor sie an den Webstuhl kommen.

Zum Abschluss gehen wir noch auf den Erlebnissteg am Pritzerber See. Mit Ferngläsern und Hörrohren können wir dort den Schilfgürtel beobachten und belauschen. Nach einer Stunde Rohrweberei sehen wir die Halme am Ufer jedenfalls mit etwas anderen Augen.

Vorbei an den Ortschaften Fohrde und Briest begleitet uns die Havel noch ein Stück. Bis zur großen Final-Einfahrt in Brandenburg an der Havel sind allerdings noch einige Kilometer zu schrubben. Bei Plaue haben wir die Wahl: über die Landstraße direkt in die Stadt oder auf der reizvolleren Route um den Plauer See und über Kirchmöser. Wir nehmen heute ausnahmsweise die Abkürzung, denn in Brandenburg wartet noch ein kulinarisches Highlight auf uns.

Unser Ziel sind historisch gesehen gleich drei Städte. Altstadt, Neustadt und Dominsel waren über Jahrhunderte eigenständig, Alt- und Neustadt wurden erst 1715 vereinigt. Auf der Dominsel steht der Dom St. Peter und Paul, dessen Grundstein bereits 1165 gelegt wurde. Damit gilt er als ältester Backsteinbau der Mark Brandenburg. Mindestens genauso viel Aufmerksamkeit bekommen von uns allerdings die Waldmöpse. Brandenburg ist Loriots Geburtsstadt und hat ihm eine ganze Population kleiner Bronzefiguren gewidmet, die inzwischen an verschiedenen Stellen der Stadt sitzen, stehen und liegen. Also machen wir uns auf die Suche.

Ein köstlicher Höhepunkt

Bevor unser Zug zurück nach Berlin fährt, entführt uns Matthias noch ins Inspektorenhaus. Früher wohnte hier der Marktinspektor, der das Treiben auf der Dominsel beaufsichtigte. Heute wird in dem historischen Gebäude hervorragend gekocht. Miso, Artischocke, Bärlauch, Portweinjus, Hollandaise, Risotto: Die Karte liest sich eher nach Michelin Guide als nach Einkehr einer Radlergruppe. Die Teller sehen so gut aus, dass wir alle unsere Kameras zücken. Ich erspare euch sämtliche Superlative über den Geschmack. Nur so viel: Wäre am Ende des Abends lediglich dieser eine Streifen Rhabarber auf meinem Teller gelandet, ich wäre trotzdem zufrieden zum Bahnhof gefahren.

Am Bahnhof endet schließlich unser gemeinsames Anradeln. Wir sind alle etwas sprachlos, wie viele großartige Menschen auf gut 60 Kilometern Tour so Platz gefunden haben: Sophia mit ihren Leckereien in Rathenow, Ute mit mehr als 300 Jahren Familiengeschichte im Rücken, Carsten zwischen seinen Bienen und Julia am Webstuhl in Pritzerbe. Dazwischen lagen ein Leuchtturm mitten im Havelland, ganz viele Optik-Experimente, zwei Minuten Urlaub auf der Havel, ziemlich viel Schilf und eine Stadt voller Waldmöpse. Das müssen wir erstmal sacken lassen. Irgendwann sagt plötzlich jemand: „Das machen wir nächstes Jahr wieder.“ Es gibt lächelnde Gesichter und keinen großen Widerspruch. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass wir uns bei der Gruppenhochzeit auf dem Bismarckturm längst alle das Ja-Wort gegeben hatten.

Hier geht´s zum Tourenlink

Lust auch mal beim Anradeln dabeizusein? Dann schreib mir gerne an wecyclebrandenburg@web.de.

Dani PensoldComment