Am Ende der Welt

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Planungen für 2 Tages-Touren ins Oderbruch sind nicht einfach. Ich drehte am Schreibtisch jedes historische Dörfchen um, markierte Körbemuseum, das Filmmuseum Golzow, das nördlichste Skisprungzentrum Deutschlands, ein Denkmal des "Alten Fritz", Ziegenhöfe, ein abgelegenes Theater... und merke schnell, dass ich mir besser eine Woche Urlaub genommen hätte. Das Oderbruch ist zwar die jüngste Brandenburger Kulturlandschaft, aber gleichzeitig einer der vielfältigsten. Auf der Strecke des östlichsten Radwegs Deutschlands, dem Oder-Neiße-Radweg, gibt es einiges zu entdecken. Getreu dem Motto: Ein Weg, zwei Flüsse, drei Länder startet die 630 km lange Strecke an der Neiße Quelle im Tschechischen Nova Ves und führt bis hinauf nach Usedom. Ich beschließe nur Start- und Endziel festzulegen und mich vom Strom leiten zu lassen. 

Als wir Mitte April an einem Samstag morgen in den Regionalexpress Richtung Polen steigen, packen wir nur eine kleine Radkarte ein, ein paar gute Tipps und Empfehlungen und beschließen einfach mal alles auf uns zukommen zu lassen. Einzig die Übernachtung im Bahnwaggon auf dem Gelände des Kulturhafen Gross Neuendorf hatten wir gebucht. Für jemanden wie mich der jedes Streckendetail immer ganz genau plant, eine völlig neue Erfahrung. Oder-Neisse-Radweg - here we come!


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Küstrin - das Pompeji an der Oder

Von Berlin-Lichtenberg erreichen wir Kostrzyn nad Odrą mit der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) bequem nach nicht einmal anderthalb Stunden. Wir teilen uns die Bahn mit vielen polnischen Pendlern und Radtouristen. Reinier hat den ersten platten Reifen und muss die Zugfahrt nutzen sein Rad zu flicken. Ich beschäftige mich während der Fahrt mit der Geschichte der Stadt Küstrin, die den touristischen Beinamen: das Pompeji des Ostens trägt. Allgemeine Bekanntheit hat Küstrin dadurch erlangt, daß hier Hans Hermann von Katte vor den Augen seines Freundes, des Kronprinzen Friedrich (später König Friedrich der Große), hingerichtet wurde. Während des 2. Weltkriegs wurde die strategisch wichtige Stadt nahezu vollständig zerstört und nach dem Krieg, im Gegensatz zur Neustadt, nicht neu besiedelt. Das Trümmerfeld blieb unbewohntes Sperrgebiet an der Odergrenze und überwucherte. Erst Mitte der 90er Jahre legte man die Straßenzüge wieder frei und das wenige, was von den Häusern übrig blieb. Wir finden die Festung anhand ihrer gewaltigen Mauern. Diese sind von außen das Sichtbarste, was vom alten Küstrin übrig geblieben ist. 

Wir fahren mit den Rädern durch eines der alten Festungstore auf das Gelände. Zuerst begreifen wir nicht, dass wir uns auf ehemaligen Straßenpflastern der einst schönen Altstadt befinden. Beim genauen Hinsehen fallen uns abgebrochene Treppeneinänge auf, überwucherte Schutthaufen und Kellerlöcher. Wir versuchen uns die Stadt in ihrem Vorkriegszustand vorzustellen, was an diesem grauen Tag besonders schwerfällt. Wir gelangen zum "Schlossplatz" ohne Schloss.  Eine Tafel zeigt die einstige Sicht auf das prächtige Gebäude und dessen Umgebung. Deutlicher kann einem der Tod einer Stadt nicht vor Augen geführt werden. 

Wir verlassen Kostrzyn und radeln auf dem neuen Radweg zurück auf die deutsche Seite. Der Wind nimmt immer mehr zu. Wir schweigen ein wenig. 



Die Deichlandschaft an der Oder begrüßt uns mit einem unendlichen Himmel - Petrus hat ihn in grau getaucht was uns aber, im Gegensatz zum frischen Wind, nicht weiter stört. Sofort sind wir fasziniert von der Weite der Oder, einem Juwel unberührter Natur. Der Frühling kündigt sich an. Die Wiesen sind bereits wieder saftig grün. Mit der Trockenlegung des Oderbruches durch Friedrich II. entwickelte sich das einstige Urstromtal zu einem der fruchtbarsten Gebiete Deutschlands. Bequem radeln wir auf asphaltiertem Grund immer entlang des Stroms. Das Oder-Hochwasser 1997 war ein Glücksfall für den Fahrradtourismus, da mit dem Neubau der Deiche parallel schöne Fahrradstraßen entstanden. Es dauert nicht lange und unsere gestressten Großstadtseelen beginnen sich mit jedem Tritt in die Pedale zu erholen. Kleine Ortschaften ohne Werbetafeln oder Supermarkt, überfüllte Fussgängerzonen und Staus. Hinter jeder Kurve wartet ein märchenhaftes Panorama auf uns, inklusive Kühe und Storchennest. Der Wind übertönt das ständige Klicken des Fotoapparats oder auch manch spontanen "Ist das wunderbar hier" Ausruf zu Reinier.

Erna Roder, die malende Pfarrersfrau aus dem Oderbruch

Nachdem wir beinahe 2 Stunden meditativ geradelt sind ohne auch nur einem Menschen zu begegnen, erreichen wir das frühere Fischerdorf Kienitz.  Kienitz gehört zu den ältesten Dörfern an der Oder und blickt auf eine bewegende Geschichte zurück. Mehrere Denkmäler im Ort berichten uns, dass es das erste Dorf westlich der Oder war, das 1945 von der russischen Armee eingenommen wurde. Wir radeln den Deich hinab Richtung Ortskern und besichtigen einen Panzer in der Ortsmitte. Dieses Denkmal, welches an die gefallenen Soldaten erinnert, haben die Kienitzer selbst als Mahnmal ins Leben gerufen und setzen sich stark für dessen Erhalt ein.

Uns ist nach einer Pause. Wir haben im Vorfeld den Tip bekommen, unbedingt die Radwegkirche "Himmel & Erde"  zu besuchen. Wir haben Glück, das Café hat gerade geöffnet und wir sind die ersten Gäste. Während wir Schoko-Quark- und Rhabarberschmand-Kuchen bestellen, bestaunen wir das leere Kirchenschiff mit Blick in den Himmel. Im Postkartenhalter des Cafés fallen mir wunderschöne gemalte Landschaftskarten von Erna Roder auf. Hinter ihren Bildern verbirgt sich eine ganz besondere Geschichte. Die Pfarrerswitwe hatte die im Krieg stark zerstörte Kienitzer Kirche bereits zu DDR-Zeiten überregional bekanntgemacht. Nach dem Tod von Pfarrer Wilhelm Roder im Jahr 1981 blieb Erna in der Kirche wohnen und begann zu malen, vorallem Kienitzer Ansichten und Oderbruch-Landschaften. Hunderte, tausende Motive entstanden und jeder Pfennig ging in die Restaurierung der Kirche. Ohne sie und Ihr Engagement würde das Gotteshaus gar nicht mehr stehen, erzählt man sich im Ort. 



Kreative Idylle - das "Uferlos"

Ein paar Meter gleich hinterm Deich entdecken wir den nächsten himmlischen Ort, den Naturerlebnishof "Uferlos" von Norbert und Steffi. Als wir unsere Räder auf die Anlage schieben, überraschen wir die zwei gerade beim Mittagessen. Sofort lädt man uns ein, uns dazuzusetzen. Wir wissen nicht wo wir auf diesem traumhaften Hof zuerst hinschauen sollen. Bei einem kleinen Spaziergang finden wir zwischen blühenden Bäumen sechs individuell ausgebaute Zirkus- und Bienenwägen und eine Jurte. Ein Wegweiser zeigt Richtung "Paradies". Sind wir nicht schon längst mittendrin? Sofort möchte ich wieder Kind sein und mich für 2 Wochen in dieser Naturidylle einquartieren, mich mit Naturfotografie, Jurtenaufbau und Wildniscamping beschäftigen. Im Dreck wühlen, täglich die Häschen füttern und Frösche fangen. Die einladende, große Lagerfeuerstelle, der große Kräutergarten und die offene Gemeinschafts-Küche an der alle gemeinsam frühstücken, sorgen für eine große Sehnsucht der Stadt schon sehr bald wieder den Rücken zu kehren. 

Direkt hinter dem Uferlos wartet die nächste Versuchung, der wir allerdings aufgrund nahender Regenwolken widerstehen. Die Hafenmühle Kienitz serviert hier in malerischer Lage am Deich nicht nur sehr guten Kaffee und selbstgebackenen Kuchen sondern auch Kunst.  Franziska Labes und Jörg Hannemann haben das beeindruckende Backsteingebäude in den letzten Jahren liebevoll renoviert und instand gesetzt. "Leider hatten wir gerade schon Kaffee & Kuchen..." rufen wir entschuldigend von den Rädern in den großen Mühlengarten hinüber. Dort sitzt gerade eine Dame und "schaut fern" - schönstes Deichkino steht auf dem Programm.


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Zimmer mit Aussicht - Verladeturm Gross Neuendorf

Endlich erreichen wir Gross Neuendorf mit seinem historischen Verladeturm und den 5 Bahnwaggons, unser Nachtquartier. Auf diesen Ort hatte ich schon sehr lange meine Sehnsuchtsscheinwerfer gerichtet - ich war fasziniert von dem Moment an, als ihn zum ersten Mal in einer Brandenburg Ausgabe vor vielen Jahren entdeckte. Frau Adam empfängt uns im Café im unteren Teil des Turms und gibt uns eine Einweisung für Bahnwaggon 3. "Niemals den Schlüssel im Sanitärraum stecken lassen" wiederholt sie dreimal und lacht. Damit hat sie offensichtlich schon ihre Erfahrungen gemacht. Der Verladeturm hat einen Premiumblick über die Oder und noch eine Ferienwohnung mit Dachfenster für den nächtlichen Blick in die Sterne. Im zweiten Stockwerk des Cafés gibt es eine sehenswerte Ausstellung zur Geschichte des Hafens. Ich bekomme Bauchkribbeln - so schön ist es. Minuten später schließen wir die Tür zu unserem Bahnwaggon auf. Die Atmosphäre die uns entgegenschlägt ist einzigartig. Alles ist großzügig und hell renoviert, aus den bodentiefen Fenstern schauen wir von unserem Bett direkt aufs Wasser. Wir machen ein paar Fotos und lassen uns danach direkt hineinfallen. Es beginnt auf das Dach zu klopfen -  Regen kündigt sich an. Perfektes Timing nennt man das. Wir kuscheln uns unter die Decke, schauen dabei aufs Wasser und hören für eine Weile dem Regen zu. 

Nachdem der Regen etwas nachgelassen hat, holen wir die Räder und radeln ins 3 km entfernte Kienitz Nord um beim "Lämmerfest" der Familie Brunat auf dem Erlenhof vorbeizuschauen. Die Brunats, lange ebenfalls Berliner, haben sich hier vor vielen Jahren im Oderbruch einen kleinen Traum erfüllt. Sie halten eine kleine Herde Skudden, einer vom Aussterben bedrohten Schafrasse, und leben mit ihren beiden Schafpudeln Irma und Emmy auf einem weitläufigen Gelände mit Wäldchen, Naturteich und Weideflächen. Schäfchen zählen kann man bei den Brunats nicht nur am Gehege sondern auch in einem hübschen Blockhaus-Bett oder in mehreren Schäferwagen. In ihrem kleinen, liebevoll eingerichteten Hofladen kaufe ich Schafsseife für extra weiche Haut und ein kleines Buch über Ausflugsparadiese in Brandenburg. Wir setzten uns in die Abendsonne und schauen elf kleinen Lämmchen beim Spielen zu. Frau Brunats selbst gebackener Kuchen füllt unseren leeren Bauch. Urlaubsstimmung macht sich breit.


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Gegen Abend radeln wir in goldenem Licht nach Gross Neuendorf zurück. Ich habe trotz Lammbratwurst riesigen Hunger. "Frischer Spargel bei den Landfrauen" lautete die Nachricht auf einer kleinen Kreidetafel am Bahnwaggon, den ich bei unserer Ankunft im Augenwinkel hatte.  Wir bestellen uns Bier und nehmen an der Dorfstraße im Terassenbereich Platz, wo die Abendsonne noch ein bisschen für Wärme sorgt. "Spargel ist aus" fällt mir die nette Bedienung ins Wort, als ich zur Bestellung ansetze. "Dann die Soljanka bitte" bestellt das kleine Ostkind in mir voller Vorfreude. Reinier nimmt die einzige vegetarische Alternative der Karte - Bratkartoffeln mit hausgemachter Remoulade. Man spürt, dass hier mit Liebe gekocht wird - es schmeckt ausgezeichnet.

Wir schieben die Räder zum Waggon und machen noch einen Abendspaziergang über das Gelände. Wir betrachten uns die Bahnwaggons etwas näher, die nach der Wende per Tieflader an den Hafen gebracht wurden. Ein etwas alleinstehender Waggon beherbergt ein winziges Theater. Auf bequem gepolsterten Theaterstühlen erlebt man hier in der originalen Atmosphäre eines 20er Jahre Salonwagens Kabarett, Klavierabende, erotische Nachtprogramme und Lesungen. Für eine Vorstellung sind wir jedoch vier Wochen zu früh dran, der Wagen hat noch geschlossen. Die Abendsonne taucht die Oder in rosafarbenes Licht. Der Wind hat nachgelassen und der Himmel ist blitzblank. Die Ruhe wird nur durch die vielen Wasservögel unterbrochen, die sich am Wasser und auf den teilweise überfluteten Uferwiesen tummeln. 

Frühaufsteher willkommen

Mein Wecker ist auf 6 Uhr gestellt. Sonnenaufgang. Trotzdem bin ich bereits um 5:30 Uhr wach. Die Scheiben sind völlig beschlagen und es ist frisch im Waggon, der nicht beheizbar ist. Das Ostkind mag nicht nur Soljanka sondern hat auch aus DDR Dauercamperzeiten vorgesorgt. Dicke Wollsocken und Jogginghose waren mit im Gepäck haben mich glücklicherweise nicht frieren lassen. Ein durch die Scheiben schimmerndes rosa Licht zieht mich wie an Seilen aus dem Bett. Was ist das da draussen? Als ich die Tür unseres Waggons öffne bin ich wie erstarrt. Hat William Turner persönlich den Himmel angemalt? Was für ein unglaubliches Panorama. Mein lautes Seufzen holt auch Reinier aus dem Schlaf. Er zieht sich blitzschnell Schuhe an und beginnt die Scheiben des Waggons zu putzen. Mich hält jedoch nichts mehr im Waggon. Draußen ist es zu dem Zeitpunkt bereits wärmer als drinnen - ein schöner Frühlingstag kündigt sich an. Wir machen uns frischen Kaffee und drehen eine kleine Runde über das Gelände. Alles schläft noch. Wir haben die Oder für uns allein. Nicht mal die Schaukel, die an einer Verbindung zwischen Verladeturm und Maschinenhaus hängt, gibt einen Ton von sich. Es ist ein Morgen aus dem Bilderbuch. Als die Morgenröte langsam verschwindet, krabbeln wir zurück in die Betten und schlafen weiter.


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Auf nach Schwedt/Oder

Das Frühstückscafé im Ort öffnet leider verspätet und anstatt zu warten, rollen wir mit knurrenden Mägen nordwärts. Im 15 km entfernten Zollbrücke gönnen wir uns ein riesiges Bauernfrühstück mit Kaffee. Ich bestehe darauf kurz beim Theater am Rand vorbeizufahren, sowie auf dem Ziegenhof Zollbrücke der Familie Rubin. Wir wollen unbedingt das Eis aus Ziegenmilch probieren, welches besonders bekömmlich sein soll. Der Hof ist ein traumhafter Ort. Rubins weiße Edel-Ziegen leben auf naturbelassenen Weiden in artgerechter und naturgemäßer Haltung.  Die Zuchtböcke, Muttertiere und die süßen Zicklein können wir im „Stallkino“ gut beobachten und im gemütlichen Hofcafé guten Gewissens das Ziegeneis genießen. Die Tiere haben es gut und alles ist in liebevoller Handarbeit ohne künstliche Zusatzstoffe hergestellt. Ein echtes Oderbruch-Highlight!



Land im Strom

Wir radeln wieder zurück auf den Deich und entdecken eine gesperrte Verbindungsbrücke, die keine Expeditionen auf der anderen Uferseite zulässt. Das Ufer leuchtet verführrerisch grün und ist im Vergleich zum deutschen leicht hügelig. Kurze Zeit später erreichen wir den Nationalpark Unteres Odertal. Als Besucher, Radfahrer oder Kanut ist der Mensch in diesem einzigartigen deutsch-polnischen Schutzgebiet willkommen. Durch die jahrzehntelange Grenze ist das 65000 Hektar große Areal fast 60 Jahre unberührt geblieben und gehört zu den artenreichsten Schutzgebieten überhaupt. Viel Zeit für Vogelbeobachtungen bleibt uns leider nicht. Wir wollen bis 15 Uhr in Schwedt sein und machen nur eine kleine Pause. Der Deich wird währenddessen immer belebter - das Odertal lockt an diesem warmen Sonntag viele Besucher. Bevor wir die Oder Richtung Schwedt kurzzeitig aus dem Blick verlieren, genießen wir auf dem hölzernen Oderturm einen fantastischen Blick aus 11 Metern Höhe über die gesamte Ebene. Ein krönender Abschluss bevor es wieder urbaner wird.

Die Stadt Schwedt ist am Ende hübscher als erwartet. Wir drehen eine kleine Runde durch die winzige Altstadt und machen uns auf den Weg zur PCK-Raffinerie, die etwas außerhalb der Stadt liegt: ein Industriegelände, größer als die Stadt selbst. Fast alles was in Berlin fährt und fliegt bezieht seinen Kraftstoff aus Schwedt. Der Nachmittag endet vor den Toren der Raffinerie, in die wir selbstverständlich keinen Fuß setzen können.

Völlig erschöpft und hungrig steigen wir in den Regionalexpress. Ein wunderschöner Sonnenuntergang bildet sich vor dem Zugfenster. Wir legen die Füße hoch und schließen die Augen. Ein kleiner Sonnenbrand kribbelt auf der Haut, die jetzt schon ein bisschen nach Sommer riecht.